




\section{Raumwertige Funktionen und Schwingungen}
\subsection{Bogenl"ange und Geschwindigkeit}

\begin{Bemerkungl} Gegeben $v=(v_1,\ldots, v_n)\in\DR^n$ setzen wir
  $$\|v\|\pdef \sqrt{v_1^2+\ldots+v_n^2}$$
  und nennen diese Zahl die
  {\bf Skalarproduktnorm} oder kurz {\bf L"ange von $v$}.\index{Skalarproduktnorm}\index{L"ange}
  Offensichtlich haben wir $\|\lambda v\|=|\lambda|\|v\|$ f"ur alle $\lambda\in\DR$.
  Auf der Schule und in der Linearen Algebra lernen Sie, inwieweit
  $\|v\|$ dem entspricht, was wir anschaulich die \glqq L"ange des Vektors
  $v$\grqq\ nennen w"urden, und da"s f"ur alle $v,w\in\DR^n$ die
  {\bf Dreiecksungleichung} $\|v+w\|\leq  \|v\|+\|w\|$ gilt.
\end{Bemerkungl}
\begin{figure}[hbt]\centering
  \includegraphics[width=\textwidth]{SkriptenBilder/Bild0009}
\\[4mm]
\noindent Eine  Approximation eines Weges durch einen Polygonzug
\end{figure}
\begin{Definition}\label{BOLLn}
Gegeben  ein 
Intervall $I \subset \Bbb{R}$
und  eine Abbildung $\gamma:I\ra \DR^n$  erkl"aren wir die 
\defnoind{L"ange}\index{L"ange!eines Weges}\index{L@${\op{L}}(\gamma)$ L"ange eines Weges}  
${\op{L}}(\gamma) \in \bar{\Bbb{R}}$ von $\gamma$ als
das Supremum "uber \glqq die L"angen aller einbeschriebenen Polygonz"uge\grqq,
in Formeln
$${\op{L}}(\gamma) \pdef \op{sup} \left.\left\{\sum^{r-1}_{i=0} \| \gamma (t_{i}) -
\gamma (t_{i+1}) \| \right|  t_{0}, \ldots, t_{r} \in I, \;t_{0}\leq \ldots
 \leq t_{r}\right\}$$
Man spricht in diesem Zusammenhang 
meist von der \defind{Bogenl"ange} und nennt eine stetige Abbildung $\gamma:\DR\supset I\ra \DR^n$
wie oben einen {\bf Weg} in $\DR^n$.
\end{Definition}

\begin{figure}[hbt]\centering
  \includegraphics[width=\textwidth]{SkriptenBilder/BildBa}
\\[4mm]
\noindent Eine  bessere Approximation desselben Weges durch einen Polygonzug
\end{figure}
\begin{Bemerkungl}
Offensichtlich ist die Bogenl"ange \glqq invariant unter
Reparametrisierung\grqq. In Formeln haben wir st"arker sogar f"ur jede monotone Surjektion
$\psi : J \ra I $\label{ILRPn} offensichtlich  ${\op{L}} (\gamma \circ \psi) =
{\op{L}}(\gamma)$.
Unsere Definition der Kreiszahl $\pi$ aus \ref{DP} bedeutet in dieser Terminologie
$\pi \pdef {\op{L}} (\gamma)$ f"ur  $\gamma : [-1,1] \ra \Bbb{R}^{2}$, $x
\mapsto (x, \sqrt{1-x^{2}})$. 
\end{Bemerkungl}
\begin{Bemerkungl}\label{Geschn}
Seien $\gamma :\DR\supset D\ra \DR^n$ eine Abbildung von einer
halboffenen Teilmenge der Zahlengerade nach $\DR^n$ und sei $p\in D$
ein Punkt. Wir nennen  $\gamma $  
{\bf differenzierbar bei $p$}, wenn
es einen Vektor $v\in\DR^n$ gibt mit 
\begin{figure}[hbt]
  \centering
    \includegraphics[width=\textwidth]{SkriptenBilder/Bild0010}
    \\ \noindent Denken wir uns $t$ als Zeit, so mag man
    $\gamma'(p)$ auch den \glqq Geschwindigkeitsvektor\grqq\
    nennen. Er ist stets tangential an die
Bahnkurve. Seine L"ange h"angt jedoch von der Anzeige des Tachometers
 ab, wenn wir uns hier mal ein Auto denken, das auf einem 
Fu"sballfeld herumkurvt. Dieser Aspekt ist in einem  Bild 
leider schwer 
darzustellen.
\end{figure}
$$v
=\lim_{t\ra 0}\frac{\gamma (p+t)-\gamma (p)}{t}
$$
Dann schreiben wir
$\gamma ^{\prime} (p)\pdef v$ und nennen  $\gamma ^{\prime} (p)$
die {\bf Ableitung von $\gamma$ bei $p$}\index{Ableitung!vektorwertige}
oder den {\bf Ableitungsvektor}\index{Ableitungsvektor} oder, wenn wir uns $t$ als Zeit denken, den {\bf Geschwindigkeitsvektor}.
Die L"ange $\|\gamma ^{\prime} (p)\|$ des Geschwindigkeitsvektors nennen wir
die {\bf absolute Geschwindigkeit}.\index{Geschwindigkeit!absolute}
 Ist $\gamma $ differenzierbar an allen Stellen $p\in D$, 
so nennen wir  $\gamma $  
{\bf differenzierbar}\index{differenzierbar!vektorwertige Funktion} 
oder genauer
{\bf differenzierbar auf $D$}.
\end{Bemerkungl}



\begin{Bemerkungl}
Seien $\gamma :\DR\supset D\ra \DR^n$ eine Abbildung von einer
halboffenen Teilmenge $D\subset\DR$ nach $\DR^n$ und sei $p\in D$
ein Punkt.  Nach unseren Regeln "uber komponentenweise Grenzwerte ist $\gamma=(\gamma_1,\ldots,\gamma_n)$
differenzierbar bei $p$ genau dann, wenn alle $\gamma_i:D\ra\DR$ differenzierbar sind bei $p$, und dann haben wir
$$\gamma'(p)=(\gamma_1'(p),\ldots,\gamma_n'(p))$$
\end{Bemerkungl}

\begin{Beispiel}
  F"ur Abbildungen  $\gamma :\DR\supset D\ra \DC$ stimmt unsere hier erkl"arte Ableitung
"uberein mit der reell-komplexen Ableitung 
  komplexwertiger Funktionen aus \ref{Ablk}.
\end{Beispiel}
\begin{Bemerkungw}[\textbf{Lamento "uber das Arbeiten ohne Einheiten}] 
  Eigentlich sollte man sich mehr M"uhe geben, um guten Gewissens von L"ange
  und Geschwindigkeit reden zu k"onnen. Ich w"urde gerne  einen
  \glqq euklidischen Raum\grqq\ einf"uhren als einen endlichdimensionalen
  reellen affinen Raum $E$ mit einer ausgezeichneten
  Gerade von Bilinearformen auf dem zugeh"origen
  Richtungsraum $\vec E$, die auch Skalarprodukte enth"alt,  
  und dazu einen orientierten eindimensionalen Vektorraum $\mathbb L=\mathbb L(\vec E)$ konstruieren, seine \glqq L"angengerade\grqq. Dann konstruiert
  man die \glqq L"ange\grqq\
   als
  eine
  Abbildung $$\|\;\|:\vec E\ra \mathbb L$$
  Danach postuliert man einen orientierten
  eindimensionalen affinen Raum $\mathbb T$ der
  \glqq Zeitpunkte\grqq, diskutiert differenzierbare
  Abbildungen $\gamma: \mathbb T\supset D\ra E$ und erh"alt als Geschwindigkeitsvektor bei $p\in D$ ein Element $\dot\gamma(p)\in\op{Hom}_\DR(\vec{\mathbb T},\vec E )$. Die absolute
  Geschwindigkeit schlie"slich wird eine orientierungserhaltende lineare Abbildung $\|\dot\gamma(p)\|\in \op{Hom}_\DR(\vec{\mathbb T},\mathbb L)$.
  Das w"are aussagekr"aftiger als schlicht  $E=\vec E=\DR^n$ und
  $\mathbb T=\vec{\mathbb T}=\mathbb L=\DR$ zu identifizieren. Dazu m"u"ste
  ich aber auf entsprechender Vorarbeit aus der Linearen Algebra aufbauen,
  und selbst wenn ich das d"urfte, w"are es zu viel Begrifflichkeit
  f"ur einen Abschlu"s des ersten Semesters. 
\end{Bemerkungw}
\begin{figure}[htb]
\begin{minipage}{0.45\textwidth}
  \includegraphics[width=\textwidth]{SkriptenBilder/Bild0011}
\end{minipage}\hfill
 \begin{minipage}{0.45\textwidth}\centering
Eine nicht konvexe Teilmenge der Ebene
\end{minipage}
\end{figure}
  \begin{Bemerkungl}
Wie in \eref{DeKK}{LA1} hei"st
    eine Teilmenge des $\DR^n$ 
    {\bf konvex},\index{konvex!in $\DR^n$} wenn sie mit
    je zwei Punkten auch das ganze die beiden Punkte verbindende
    Geradensegment enth"alt.  Eine Teilmenge des $\DR^n$ hei"st  {\bf offen},\index{offen!in $\DR^n$} wenn sie eine Umgebung eines jeden ihrer Punkte ist.
  \end{Bemerkungl}
 
  \begin{Beispiel}
    F"ur alle $\varepsilon>0$ und $p\in\DR^n$ ist sowohl der
    in \ref{Qudd} eingef"uhrte Quader
    $\op{B}(p;\varepsilon)\pdef \{x\in\DR^n\mid 
 |p-x|<\varepsilon \}$  als auch der {\bf euklidische Ball} 
    $\op{B}_2(p;\varepsilon)\pdef  \{x\in\DR^n\mid 
 \|p-x\|<\varepsilon \}$  offen und konvex. 
\end{Beispiel}




\begin{Satz}[\textbf{Schrankensatz}\index{Schrankensatz}]
Seien $a< b$ reelle 
Zahlen und $\gamma : [a,b] \ra \DR^n$\label{MWSn} differenzierbar.
Ist $C \co \DR^n$ eine offene  konvexe 
Teilmenge und
gilt $ \gamma '(t) \in C$ f"ur
alle $t\in [a,b]$,  so folgt
$$\gamma  (b) - \gamma (a) \in (b-a)C$$
\end{Satz}
\begin{Bemerkungw}
  Der Satz gilt genauso f"ur $C$ konvex und \glqq abgeschlossen\grqq,
  da wir so ein $C$  schreiben k"onnen als den Schnitt der
offenen konvexen Mengen $C=\bigcap_{\eta>0}(C+\op{B}(0;\eta))$.
\end{Bemerkungw}

%\begin{Bemerkungl}
%Man folgert leicht eine Variante, die auch $a\geq b$ erlaubt:
%Ist $I\subset \Bbb{R}$ 
%ein mehrpunktiges Intervall,
%  $\gamma : I \ra \DR^n$ eine differenzierbare Abbildung
%und gilt $ \gamma '(t) \in C$ f"ur alle $t\in
%  I$, so folgt
%  $\gamma  (b) - \gamma (a) \in (b-a)C\;\forall a,b\in I$.
%\end{Bemerkungl}
\begin{Beispiel}[\textbf{Anschauung f"ur den Schrankensatz}] 
  Ich rede in Einheiten, weil es mir anschaulicher scheint.
  Sei $C$ eine Kreisscheibe im Raum der Geschwindigkeitsvektoren
  der  Anschauungsebene
mit Radius $20{\ph{km}}/{\ph{h}}$. 
Fahren wir mit einem Gel"andewagen 
  um $a=14{:}00$ Uhr
an einem Parkplatz los und
kurven durch
die Gegend und der Tacho zeigt nie mehr als $20{\ph{km}}/{\ph{h}}$
an, so sind wir
um $b=17{:}00$ Uhr h"ochstens $60{\ph{km}}$ von unserem urspr"unglichen 
Parkplatz entfernt.
Besteht $C$ dahingegen aus einem einzigen Punkt, der sagen wir
die Geschwindigkeit von $20{\ph{km}}/{\ph{h}}$
in einer festen Richtung bedeutet,
so besagt unser Satz:
Fahren wir konstant mit $20{\ph{km}}/{\ph{h}}$ in diese
Richtung, so haben wir um $17{:}00$ Uhr genau $60{\ph{km}}$
in besagte Richtung 
zur"uckgelegt. 
F"ur dieses Beispiel w"ahlen 
 wir implizit einen Isomorphismus der 
Zeitachse $\mathbb T$ mit der reellen Zahlengeraden $\mathbb R$
derart, da"s jeder  Stunde  ein Intervall der L"ange
Eins entspricht.
Das bedeutet insbesondere, da"s wir implizit auch
vektorielle Geschwindigkeiten 
mit Richtungsvektoren identifizieren.
Im "ubrigen wird in \eref{Tempo}{AN2} erkl"art,
wie man auch mit \glqq echten\grqq\  
Geschwindigkeiten formal korrekt arbeiten
kann.
\end{Beispiel}
\begin{Bemerkungl}[\textbf{Beziehung zwischen Schrankensatz und Mittelwertsatz}] 
Der Satz folgt im Fall $\DR^n=\DR$ leicht aus unserem\label{SchrSn}  
bisherigen Mittelwertsatz \ref{MiWS}
und er spielt auch im allgemeinen eine "ahnliche Rolle, indem er es
erlaubt, \glqq den von einem Teilchen in einem Zeitintervall $[a,b]$
gewonnenen Abstand von seinem Ausgangspunkt aus der Kenntnis seiner lokalen
Geschwindigkeiten
abzusch"atzen\grqq. Jedoch kann man im allgemeinen Fall des $\DR^n$ 
im allgemeinen keinen Zeitpunkt mehr finden, zu dem
das Teilchen \glqq mittlere Geschwindigkeit\grqq\  h"atte.
Es gibt in anderen Worten im allgemeinen keinen Punkt
$\xi\in [a,b]$ mit $\gamma  (b) - \gamma (a) = (b-a)\gamma '(\xi)$. 
Ein Gegenbeispiel w"are etwa der Fall, da"s unser Gel"andewagen 
ein Rundtour f"ahrt, bei der er zu
keiner Zeit die Geschwindigkeit Null hat. Mich befriedigt deshalb
die in der "alteren Literatur "ubliche Bezeichnung
f"ur unseren Schrankensatz als
\glqq Mittelwertsatz in mehreren 
Ver"anderlichen\grqq\ \index{Mittelwertsatz!in mehreren Ver"anderlichen}
 nicht vollst"andig.
\end{Bemerkungl}





  
 \begin{proof}
    Offensichtlich gilt f"ur eine konvexe  Teilmenge $C\subset \DR^n$
    und beliebige reelle $s,t\geq 0$ stets $sC+tC= (s+t)C$.
Das zeigt, da"s in unserem Satz die Aussage f"ur das ganze Intervall
folgt, wenn wir sie f"ur alle St"ucke einer Zerlegung in endlich viele  Teilintervalle 
zeigen k"onnen. K"urzen wir genauer f"ur $p,q\in [a,b]$  mit $\op{S}(p,q)$ die Aussage
$\gamma(q)-\gamma(p)\in (q-p)C$ ab, so gilt f"ur $a\leq p\leq q\leq r\leq b$
in Formeln ausgedr"uckt
$$\big(\op{S}(p,q)\text{ und }\op{S}(q,r)\big)\RA \op{S}(p,r)$$
 Da wir $C$ offen angenommen hatten, besitzt jeder Punkt $p\in [a,b]$ eine Umgebung $U_p$ mit
    $$q\in [a,b]\cap U_p\backslash p\;\RA\; \frac{\gamma (q) - \gamma (p)}{q-p} \in C$$
oder umgeschrieben eine Umgebung $U_p$ mit $(q\in [a,b]\cap U_p)\;\RA \;\op{S}(p,q)$.  
 Nun setzen wir $$s\pdef \op{sup}\{c\in [a,b]\mid \text{Es gilt }\op{S}(a,x)\;\forall x\in [a,c]\}$$ Dann
 gilt $\op{S}(a,s)$, denn im Fall $a=s$ ist das eh klar
 und sonst gibt es
    $x\in [a,s)$, f"ur das $\op{S}(x,s)$ gilt,  und $\op{S}(a,x)$ gilt
   nach Annahme eh f"ur alle $x\in [a,s)$. 
   H"atten wir nun nicht $s=b$, so f"anden
    wir $q\in (s,b]$ mit $\op{S}(s,x)$ wahr f"ur alle $x\in [s,q]$
    und damit  $\op{S}(a,x)$  wahr f"ur alle $x\in [a,q]$ im Widerspruch zur Wahl von $s$.  
  \end{proof}
%\begin{proof}
% Wir d"urfen also
%ohne Beschr"ankung der Allgemeinheit $C$ offen annehmen.
%Wir setzen nun
%$$s \pdef \op{sup} \{q \in [a,b] 
%\mid \gamma  (x) - \gamma (a) \in (x-a) C \;\;\forall x\in [a,q]\}$$
%und  zeigen zun"achst $s = b$.
%F"ur alle $p \in [a,b]$ finden wir ja eine offene Umgebung $U_{p}\co [a,b]$ mit
%$$\frac{\gamma (q) - \gamma (p)}{q-p} \in C  \text{ f"ur alle } q \in
%U_{p}\backslash p $$
%Insbesondere folgern wir $s > a$ und m"ussen nur noch die Annahme
%$s<b$ zum Widerspruch f"uhren.
%Aber w"are $s <b$, so f"anden wir $\varepsilon >0$ mit
%$[s-\varepsilon, s + \varepsilon] \subset U_{s}$ und die Aussage des
%Satzes g"alte f"ur die Einschr"ankung von $\gamma $ auf die Intervalle
%$[a, s-\varepsilon], [s-\varepsilon, s] $ und $[s,s + \varepsilon]$.
%Daraus folgte jedoch mit unserer Vorbemerkung \ref{OBKn} die Aussage des
%Satzes f"ur das Intervall $[a,s +\varepsilon]$ im Widerspruch zur Wahl von
%$s$.
%Mithin haben wir $s=b$. Da es aber mit denselben Argumenten 
%auch ein $\eta>0$ gibt derart, da"s die Aussage des
%Satzes  f"ur die Einschr"ankung von $\gamma $ auf $[b-\eta, b]$ gilt,
%folgt die Aussage des Satzes f"ur das ganze Intervall $[a,b]$.
%\end{proof}


\begin{Satz}[\textbf{Bogenl"ange als Integral}]
Die L"ange eines stetig differenzierbaren\label{BoL} Weges $\gamma:[a,b]\ra \DR^n$ stimmt "uber\-ein mit dem
Integral "uber seine absolute Geschwindigkeit, in Formeln
$${\op{L}}(\gamma)= \int^{b}_{a}   \|\gamma' (t)\| \; \diff t$$
\end{Satz}
\begin{proof}[Beweis]
Sei $\varepsilon >0$ beliebig.
Da $\gamma'$ nach \ref{glst} gleichm"a"sig stetig ist
auf $[a,b]$, finden wir 
ein $\delta>0$ mit $\|\gamma'(x)-\gamma'(y)\|<\varepsilon $ 
falls $|x-y|\leq \delta$. Gegeben
eine Unterteilung $a = a_{0}\leq a_{1} \leq \ldots \leq a_{r} = b$
einer  Feinheit $\leq\delta$ folgern wir aus dem Schrankensatz
\ref{MWSn} dann 
$$\gamma (a_{i+1})-\gamma (a_{i})\in 
(a_{i+1}-a_{i})\op{B}(\gamma' (a_{i});\varepsilon)$$
und insbesondere
$ \|\gamma (a_{i+1})-\gamma (a_{i})\| \in 
(a_{i+1}-a_{i})\big(\|\gamma' (a_{i})\| + 
[-\varepsilon,\varepsilon]\big)$.  Durch Aufsummieren folgt
$$\left|
\sum^{r-1}_{i=0} \|\gamma (a_{i+1})-\gamma (a_{i})\| \;\; -
\sum^{r-1}_{i=0} \|\gamma' (a_{i})\|
(a_{i+1}-a_{i})\right|\leq (b-a)\varepsilon$$
f"ur jede Unterteilung der Feinheit $\leq\delta$. 
Das zeigt schon mal ${\op{L}}(\gamma)<\infty$, da 
$\|\gamma'(t)\|$ beschr"ankt sein mu"s auf dem kompakten Intervall $[a,b]$.
Nach "Ubung \ref{ARS} zum Riemannintegral
k"onnen wir  $\delta$ zus"atzlich so klein
w"ahlen, da"s  f"ur 
jede Unterteilung der Feinheit $\leq\delta$ auch noch gilt
$$\qquad\qquad\qquad\qquad\left|
\sum^{r-1}_{i=0} \|\gamma' (a_{i})\|
(a_{i+1}-a_{i})-\int \|\gamma'\|\right|\leq \varepsilon$$
Da aber die L"ange approximierender Polygonz"uge 
beim Hinzuf"ugen von Zwischenpunkten nur
gr"o"ser werden kann,
finden wir eine Unterteilung 
 dieser Feinheit mit
$$\left|
{\op{L}}(\gamma)- 
\sum^{r-1}_{i=0} \|\gamma (a_{i+1})-\gamma (a_{i})\|\right|\leq \varepsilon\qquad\qquad\qquad\qquad$$
Zusammen erhalten wir
$$\left|
{\op{L}}(\gamma)-\int\|\gamma'\|
\right|\leq (b-a)\varepsilon+2\varepsilon$$
Da das f"ur alle $\varepsilon>0$ gilt, folgt
${\op{L}}(\gamma)=\int\|\gamma'\|$ wie gew"unscht.
\end{proof}

\begin{Beispiel}[\textbf{Kreisl"ange}]
  Unsere Definition der Kreiszahl $\pi$ aus \ref{DP} bedeutet
  wie bereits ew"ahnt in der hier
  eingef"uhrten Terminologie\label{KLI} 
$\pi = {\op{L}} (\gamma)$ f"ur  $\gamma : [-1,1] \ra \Bbb{R}^{2}$, $x
\mapsto (x, \sqrt{1-x^{2}})$. 
Bezeichne andererseits $\kappa>0$ die kleinste positive Zahl mit
$u(\kappa)=-1$ f"ur unsere Umlaufabbildung $u(t)\pdef\op{e}^{{\op{i}}t}$.
  Es gilt zu zeigen $\kappa=\pi$. Wir wissen $\op{sin}(t)>0$ f"ur $t\in (0,\kappa)$, folglich f"allt  $\cos$ streng monoton auf $[0,\kappa]$
  und induziert eine Bijektion $\cos:[0,\kappa]\sira [-1,1]$. Unter
  der Umparametrisierung mit dem Cosinus erhalten wir
  $\gamma(\cos t)=(\cos t, \sin t)$. Weil die L"ange sich bei
  monotoner Umparametrisierung nicht "andert, 
  folgern wir
  $$\pi = {\op{L}} (\gamma)={\op{L}} (\gamma\circ \cos)=
  \int_0^\kappa \|(\gamma\circ \cos)'(t)\|\diff t=\int_0^\kappa  1 \diff t =\kappa$$
\end{Beispiel}

\begin{Bemerkunge}[\textbf{Gestalt einer 
h"angenden Kette}]\label{GHK}
Wir gehen  davon aus, da"s die Gestalt einer
h"angenden Kette durch den Graphen 
einer stetig
differenzierbaren Funktion 
$f: \Bbb{R} \ra \Bbb{R}$   beschrieben wird,
und  zeigen, da"s diese Funktion bei Wahl einer geeigneten L"angeneinheit
und eines passenden Urspungs  der
Cosinus hyperbolicus sein mu"s.
Auf das Kettensegment "uber einem kompakten Intervall $[a,b]$ 
wirken 
die Zugkraft in der Kette von beiden Seiten sowie die Schwerkraft.
Bezeichnet $L_a^b$ die L"ange des besagten Kettensegments und 
$v_{x}=(1,f'(x))$ 
den 
Tangentenvektor an unsere Kurve
bei $(x,f (x))$ mit $1$ als erster Komponente,
so impliziert das Kr"aftegleichgewicht die vektorielle Gleichung
$$0=-c_a v_{a} + c_b v_{b}- D(0,L_a^b)$$
f"ur geeignete positive Zahlen $c_a,c_b$ und eine positive Konstante $D$, 
die 
\begin{figure}[p]
  \centering
  \includegraphics[width=\textwidth]{SkriptenBilder/Bild0014}
\\ \noindent Illustration zur h"angenden Kette
\end{figure}
von den physikalischen
Konstanten unseres Problems abh"angen. Die Positivit"at von $c_a,c_b$ und  $D$
wird dabei auch nur anschaulich motiviert und nicht mathematisch hergeleitet.
Mathematisch w"are auch durchaus die an der $y$-Achse gespiegelte
\glqq stehende Kette\grqq\ eine m"ogliche L"osung, aber eben mit
negativen $c_a,c_b$.
Durch Betrachtung der ersten Komponenten
liefert unsere vektorielle Gleichung f"ur
das Kr"aftegleichgewicht erst einmal $c_a=c_b=c$. Insbesondere ist der
horizontale Anteil der Zugspannung in der Kette also an jeder Stelle derselbe. Durch Betrachtung der zweiten Komponenten
folgt weiter 
$$
cf^{\prime}(a)-c  f^{\prime}(b)=
- D L_a^b = - D \int^{b}_{a} \sqrt{1+f^{\prime}(x)^{2}} \diff x
$$
Folglich erf"ullt unsere Funktion eine Differentialgleichung der Gestalt
$$f^{\prime} (a) - f^{\prime} (b) =
 -k \int^{b}_{a} \sqrt{1+f^{\prime} (x)^{2}}\diff x$$
f"ur positives $k\pdef D/c$, mithin gilt
$f^{\prime\prime} (x) = k \sqrt{1+ f^{\prime} (x)^{2}}$.
Daraus   folgern wir
$$\int^{b}_{a} \frac{f^{\prime\prime} 
(x) \diff x}{k \sqrt{1+f^{\prime}(x)^{2}}} =b-a$$
und
mit der Substitution $f'(x)=y$, $f'' (x)\diff x=\diff y$
weiter$$
\int^{f^{\prime}(b)}_{f^{\prime}(a)} 
\frac{\diff y}{k \sqrt{1+y^{2}}}=b-a$$
Dies Integral l"osen wir durch die
Substitution $y = \op{sinh} t$, $ \diff y= \op{cosh} t \diff t$
und erhalten als Stammfunktion f"ur den Integranden 
$k^{-1} \op{arsinh} y$. Damit
ergibt sich
$
k^{-1} \op{arsinh} f^{\prime} (b) = b+m
$ f"ur eine  Konstante $m$ und 
$f^{\prime} (b) = \op{sinh} (k(b+m))$ und 
schlie"slich
$$f(b) = k^{-1} \op{cosh}  (k(b+m)) +h
$$
f"ur geeignete Konstanten $k, m$ und $h$.
Hier beschreibt $k$, wie \glqq steil\grqq\  die Kette h"angt, $m$
ist das Negative der $x$-Koordinate der Stelle kleinster H"ohe,
und $h$ beschreibt, wie hoch unsere Kette h"angt. In Worten bedeutet das,
da"s es f"ur eine vorgegebene
h"angende Kette stets ein orthogonales Koordinatensystem und 
insbesondere eine L"angeneinheit gibt, f"ur die sie genau entlang des
Graphen des Cosinus hyperbolicus h"angt.    
\end{Bemerkunge}
\begin{Bemerkungw}
  In \eref{NocKK}{TM} skizziere ich einen Beweis daf"ur,
  da"s sogar ein \glqq Weg gegebener L"ange kleinster
  potentieller Energie\grqq\ zwischen vorgegebenen Aufh"angepunkten
  existiert und eindeutig bestimmt ist
  und  unsere Kettenlinie sein mu"s.
\end{Bemerkungw}


\subsubsection*{"Ubungen}
\begin{Ubung}
Seien $D\subset\Bbb{R}$ eine halboffene Teilmenge und
$A:D\ra \op{Mat}(n\times m;\Bbb{R})$ sowie $B:D\ra \op{Mat}(m\times k;\Bbb{R})$
differenzierbare matrixwertige Funktionen.
So ist auch das Produkt\label{MPR} 
$A B:t\mapsto A(t)B(t)$
differenzierbar und die Geschwindigkeit $(AB)'$ der
Produktfunktion $AB:D\ra \op{Mat}(n\times k;\Bbb{R})$
wird gegeben durch die Formel
$$(AB)'=A'B+AB'$$
\end{Ubung}

\begin{Ubung}
Gegeben $s\in\Bbb{R}$
bezeichne $(s\cdot):\Bbb{R}^{n}\ra \Bbb{R}^{n}$ die Multiplikation
mit $s$. Sei $\gamma :I \ra \Bbb{R}^{n}$ eine 
Abbildung von einem Intervall nach
$\Bbb{R}^{n}$.
Man zeige ${\op{L}}((s\cdot)\circ\gamma)=|s|{\op{L}}(\gamma)$ f"ur $s\neq 0$.
\end{Ubung}
\begin{Ubung}
  F"ur jede Abbildung $\gamma : [a,b] \ra \Bbb{R}^{n}$
  gilt ${\op{L}}(\gamma) \geq \|\gamma (a) - \gamma (b)\|$.
Ist $\gamma$ zus"atzlich stetig, so 
haben wir Gleichheit genau dann, wenn $\gamma$  aus dem Weg
$\phi : [0,1] \ra \Bbb{R}^{n}$, $t \ra t \gamma (a) + (1-t) \gamma
(b)$  entsteht durch monotone
Umparametrisierung. 
\end{Ubung}

\begin{Ubung}
  Eine Abbildung von einem 
  reellen Intervall $I$ nach  $\DR^n$
hei"se {\bf nach der Bogenl"ange parametrisierend},\index{Bogenl"ange!parametrisiert nach} 
 wenn ihre Ein\-schr"an\-kung auf jedes nichtleere
kompakte Teilintervall
dieselbe  L"ange hat wie das Teilintervall selber.
Man zeige, da"s sich eine stetige  Abbildung 
von einem  reellen Intervall nach $\DR^n$,
die auf keinem mehrpunktigen Teilintervall konstant ist und deren Einschr"ankung auf jedes kompakte Teilintervall endliche L"ange hat,
stets
\glqq nach der Bogenl"ange parametrisieren\grqq\  l"a"st, da"s
es also genauer f"ur solch eine Abbildung $\gamma:I\ra \DR^n$ 
stets eine 
stetige Bijektion $\psi:J\sira I$ von einem weiteren reellen Intervall $J$ nach $I$ gibt
derart, da"s $\gamma\circ \psi$ 
nach der Bogenl"ange parametrisierend ist.
\end{Ubung}

\begin{Ubung}\label{PBLm}
Man zeige, da"s eine stetig differenzierbare Abbildung von einem mehrpunktigen reellen Intervall in den $\DR^n$  genau dann nach der Bogenl"ange parametrisierend ist, wenn
die zugeh"orige absolute Geschwindigkeit   konstant  Eins ist.  
\end{Ubung}

% \begin{Ubung}
% Man zeige, da"s sich jede stetig differenzierbare Abbildung 
% von einem mehrpunktigen reellen Intervall
% nach $\DR^n$ mit nirgends verschwindender Geschwindigkeit
% \glqq nach der Bogenl"ange parametrisieren\grqq\  l"a"st, da"s
% es genauer f"ur solch eine Abbildung $\gamma:I\ra \DR^n$ 
% stets eine 
% stetig differenzierbare Bijektion $\psi:J\sira I$ gibt
% derart, da"s $\gamma\circ \psi$ 
% nach der Bogenl"ange parametrisierend ist. Das gilt auch f"ur
% Wege in beliebigen normierten Vektorr"aumen, nur 
% ben"otigt man zum Argumentieren in dieser Allgemeinheit die 
% Kettenregel \eref{Kett}{AN2}, die uns hier noch nicht zur Verf"ugung steht.
% \end{Ubung}
\begin{Ubung}\label{KI}
Gegeben ein stetig differenzierbarer Weg 
$\gamma :[a,b] \ra \DR^n$  und
eine stetige Funktion $f:\gamma([a,b]) \ra \Bbb{R}$ erkl"art man
das {\bf Kurvenintegral\index{Kurvenintegral} 
von $f$ l"angs $\gamma$} als die reelle Zahl
$$\int_\gamma f=\int_a^b f(\gamma(t))\;\|\gamma'(t)\|\;\diff t$$
Man zeige, da"s dies Kurvenintegral unabh"angig ist von der
Parametrisierung und da"s es mit denselben Notationen
wie oben geschrieben werden kann als der Grenzwert der Riemannsummen
$$S^r_\gamma(f)
=\sum_{i=0}^{r-1}f(\gamma(a_i))\;\|\gamma(a_{i+1})-\gamma(a_{i})\|$$
\nichtfinal{Woanders! Als K"ur definiere man allgemeiner das Kurvenintegral l"angs eines
beliebigen \hyperref[rekt]{rektifizierbaren} Weges $\gamma :[a,b] \ra X$
in einem metrischen Raum $X$.}
\end{Ubung}
\begin{Bemerkungl}[\textbf{Anschauung zum Kurvenintegral}]
  Die L"ange eines stetig differenzierbaren Weges ist 
in dieser Terminologie das
  Kurvenintegral der konstanten Funktion Eins l"angs 
unseres Weges. Der \glqq Schwerpunkt\grqq\ 
  eines durch eine Abbildung $\gamma :[a,b] \ra \DR^3$ beschriebenen homogenen
  gebogenen Drahtes m"u"ste mathematisch dadurch definiert
werden, da"s seine Koordinaten die Kurvenintegrale 
der Koordinatenfunktionen
  $x,y,z$ l"angs $\gamma$ dividiert 
durch die L"ange unseres Weges sind.
Allgemein mag man das Kurvenintegral einer Funktion "uber einen Weg
verstehen als eine Art
\glqq Durchschnitt der
Funktionswerte auf unserem Weg multipliziert mit der L"ange des Weges\grqq.
L"auft etwa unser Weg einmal um einen  Kreis und kommt bei jedem Punkt
des Kreises genau einmal vorbei, mit Ausnahme des  Endpunktes unseres Weges,
der mit dem Anfangspunkt zusammenf"allt, so gibt das Kurvenintegral einer
Funktion 
ihren Durchschnitt auf der Kreislinie an, multipliziert mit
der L"ange der Kreilinie. 
\end{Bemerkungl}

\begin{Bemerkungl}[\textbf{Diskussion der Terminologie}]
Das hier definierte Kurvenintegral wird oft auch als
\glqq Weg\-integral\grqq\  bezeichnet. Ich will den Begriff des 
Wegintegrals jedoch f"ur eine andere Konstruktion
reservieren, die in \eref{WII}{AN2} besprochen werden wird.
\end{Bemerkungl}

\begin{Ubung}[\textbf{L"ange des Graphen einer Funktion}]
Gegeben eine stetig differenzierbare Funktion $f:[a,b]\ra \DR$ wird die
L"ange ihres Graphen, als da hei"st
 die L"ange des Weges $\gamma:[a,b]\ra \DR^2$,
$t\mapsto (t,f(t))$, gegeben durch das Integral
${\op{L}}(\gamma)=\int^{b}_{a} \sqrt{1+f^{\prime}(t)^{2}}\; \diff t$.
\end{Ubung}



\subsection{Systeme von linearen Differentialgleichungen}\label{DSSC}


\begin{Bemerkungl} 
Wir bestimmen  f"ur eine
gegebene quadratische Matrix
$A \in \op{Mat}( n; \Bbb{R})$ alle differenzierbaren Abbildungen
$\gamma:\Bbb{R} \ra \Bbb{R}^{n}$ mit\label{DGSC} 
$$\gamma^{\prime} (t) = A \gamma (t) \quad \forall t \in \Bbb{R}$$
Bei dieser Schreibweise fassen wir implizit die Elemente des
$\Bbb{R}^n$ als Spaltenvektoren auf, also $\gamma=
(\gamma_1,\ldots,\gamma_n)^\top$, wo der
obere Index $\top$ unsere Zeilenmatrix in eine Spaltenmatrix
transponiert. Man nennt so eine Gleichung
ein {\bf homogenes System von linearen Differentialgleichungen mit konstanten
Koeffizienten}. 
Die Spezifikation \glqq mit konstanten Koeffizienten\grqq\ 
grenzt unsere Gleichung ab von dem noch allgemeineren Fall, bei dem auch
die Matrix $A$ noch von $t$ abh"angen darf, also $A=A(t)$, und der
noch au"serhalb unserer Reichweite ist.  
Die Spezifikation \glqq homogen\grqq\  grenzt es ab vom allgemeineren Fall
einer Gleichung der Gestalt 
$\gamma^{\prime} (t) = A \gamma (t) + f(t)$ f"ur eine zus"atzlich gegebene
vektorwertige Funktion
$f$, den wir in \ref{IHD} diskutieren.
Anschaulich gesprochen geben wir uns auf dem $\Bbb{R}^{n}$ das
sehr spezielle Vektorfeld 
\begin{figure}[p]
  \centering
  \includegraphics[width=\textwidth]{SkriptenBilder/Bild0012}
\\ \noindent Das ebene Vektorfeld 
$\left(\begin{array}{c}x\\y\end{array}\right)\mapsto  
\left(\begin{array}{cc}0&-1\\1&0\end{array}\right)
\left(\begin{array}{c}x\\y\end{array}\right)$
\end{figure}
$x \mapsto Ax$ vor und interessieren uns
f"ur die Bahnen solcher Teilchen, die bei $x\in\Bbb{R}^n$ 
jeweils die Geschwindigkeit
$Ax$ haben.
\end{Bemerkungl}
\begin{Beispiel}
  Im Fall $n=1$ hat $A$ genau einen Eintrag $a\in\Bbb{R}$
und wir hatten schon in \ref{KEe} im Fall $a=1$ und in "Ubung
\ref{Le} f"ur allgemeines $a$
gesehen, da"s alle L"osungen der Differentialgleichung
$\gamma^{\prime} = a\gamma $ die Form $\gamma(t) = c \exp (at)$ haben.
\end{Beispiel}

\begin{Bemerkungl}\label{exM}
Im Allgemeinen erkl"aren wir die {\bf Exponentialfunktion 
auf Matrizen}
durch die Vorschrift
$$\begin{array}{cccl}
\exp : &\op{Mat}( n; \Bbb{R}) & \ra & \op{Mat}( n; \Bbb{R})\\[2mm]
&A &\mapsto & 
\sum^{\infty}_{k =0} \frac{1}{k !}A^{k}=
\op{I}+A+\frac{1}{2}A^2+\frac{1}{6}A^3+\ldots\end{array}$$
Hier bedeutet $A^0=\op{I}$ nach unserer Konvention \ref{imn}
die Einheitsmatrix und 
unsere unendliche Reihe ist zu verstehen als der Grenzwert 
der Folge ihrer Partialsummen.
Wir zeigen, da"s diese Grenzwerte existieren.
Bezeichnen wir dazu f"ur eine quadratische 
Matrix $A\in \op{Mat}(n ; \Bbb{R})$
mit $|A|$ das Maximum der Absolutbetr"age ihrer Eintr"age, so
gilt offensichtlich $|AB|\leq n|A||B|$ f"ur jede weitere Matrix
$B\in \op{Mat}(n ; \Bbb{R})$. Daraus folgt $|A^{k}|\leq (n|A|)^k$
und dann zeigt die Konvergenz der Exponentialreihe
zu $n|A|$ die absolute Konvergenz aller  Reihen von 
Matrixeintr"agen in der Exponentialreihe zu $A$.  
\end{Bemerkungl}

\begin{Lemma}[\textbf{Funktionalgleichung f"ur das Exponential von Matrizen}]
Die Exponentialabbildung\label{ADFG} wirft die Null
auf die Identit"at, in Formeln $\exp (0) = \op{I}$.
Sind $A,B$ zwei kommutierende 
quadratische Matrizen $AB = BA$, so
gilt $$\exp (A + B) = (\exp A) (\exp B)$$
\end{Lemma}
\begin{Bemerkungl}
  Insbesondere folgt $\exp (-A) = (\exp A)^{-1}$. Die Exponentialabbildung
  ist mithin eine Abbildung von der Menge aller quadratischen Matrizen
in die Menge aller invertierbaren quadratischen Matrizen
$$\exp:\op{Mat}(n;\Bbb{R})\ra \op{GL}(n;\DR)$$
\end{Bemerkungl}
\begin{proof}
  Aus \ref{exM} wissen wir f"ur $A\in \op{Mat}(n;\Bbb{R})$
  um die absolute Konvergenz
  $$(\op{exp}A)_{pq}=\sum^{\infty}_{k =0} \frac{1}{k !}(A^{k})_{pq}$$
  der Exponentialreihe
  in jedem Matrixeintrag. Aus unseren Erkenntnissen "uber Umordnung und
  Produkt
  absolut konvergenter Reihen
  folgt dann
  $$\begin{array}[b]{lll}
    \big((\op{exp}A)(\op{exp}B)\big)_{pr}&=&
    \sum_{q=1}^n(\op{exp}A)_{pq}(\op{exp}B)_{qr}\\[2mm]
    &=&\sum_{q=1}^n\sum_{(i,j)\in\DN\times\DN} \frac{1}{i !j !}(A^{i})_{pq}(B^{j})_{qr}\\[2mm]
    &=&\sum_{(i,j)\in\DN\times\DN} \frac{1}{i !j !}(A^{i}B^{j})_{pr}\\[2mm]
    &=&\sum^{\infty}_{k=0} \frac{1}{k !}\big((A+B)^{k}\big)_{pr}
  \\[2mm]
    &=&\big(\exp(A+B)\big)_{pr}\end{array}
  $$
  Die Annahme $AB=BA$ brauchen wir, um
  $(A+B)^k=\sum_{i+j=k}\frac{k!}{i!j!}A^iB^j$ verwenden zu d"urfen. 
\end{proof}




\begin{Satz}[\textbf{Erste lineare Differentialgleichungen}]
Ist $A \in \op{Mat}(n; \Bbb{R})$ eine quadratische
Matrix und $c \in \Bbb{R}^{n}$ ein Spaltenvektor, so  \label{dg}
gibt es genau eine differenzierbare Abbildung $\gamma: \Bbb{R} \ra
\Bbb{R}^{n}$ mit Anfangswert $\gamma(0) =c$ derart, da"s gilt\label{EKD} 
$\gamma^{\prime} (t) = A \gamma (t)$ f"ur alle $t \in \Bbb{R}$, und
diese Abbildung wird gegeben durch die Vorschrift
$$\gamma(t) = \exp (tA) c$$
\end{Satz}
\begin{Bemerkungl}
Es ist durchaus m"oglich, mithilfe dieses Satzes auch ganz
konkrete Differentialgleichungen ganz konkret zu l"osen.
Wir gehen darauf in den weiteren Abschnitten n"aher ein.
\end{Bemerkungl}
\begin{proof}[Beweis]
Wir behaupten zun"achst, da"s die Abbildung 
$g:\Bbb{R}\ra \op{Mat}(n;\Bbb{R})$,
$t\mapsto \exp (tA)$  differenzierbar ist mit der Ableitung
$g'(t)=A\exp (tA)$.
In der Tat wissen wir nach \ref{PRD},
da"s man Potenzreihen gliedweise differenzieren darf,
und 
unsere Formel ergibt sich, wenn wir diese Erkenntnis
anwenden auf alle Eintr"age unserer Matrix.
Nach der matrixwertigen Produktregel \ref{MPR} ist nun auch die Abbildung $\gamma:\Bbb{R}\ra \Bbb{R}^n$,
$t\mapsto \exp (tA) c$ differenzierbar mit Ableitung
$\gamma'(t)=A\exp (tA)c=A\gamma(t)$ und die Bedingung $\gamma(0)=c$ ist
offensichtlich.
Unsere Funktion ist damit eine L"osung der Differentialgleichung
mit dem vorgegebenen Anfangswert.
Ist umgekehrt $\gamma(t)$ eine beliebige L"osung unserer
Differentialgleichung $\gamma'=A\gamma$, so berechnen wir die Ableitung
der Funktion $t\mapsto h(t) = \exp (-t A) \gamma(t)$ 
mithilfe der matrixwertigen Produktregel \ref{MPR} und erhalten
$$h'(t)= -A\exp (-tA)\gamma(t) +
\exp (-tA) \gamma^{\prime} (t) =0$$
Die Funktion $h(t)= \exp (-tA) \gamma(t)$ ist 
also konstant mit Wert $\gamma(0)$
und mit der matrixwertigen Funktionalgleichung \ref{ADFG} 
folgt $\gamma(t)=\exp (tA) \gamma(0)$.
\end{proof}

\begin{Satz}[\textbf{Erste lineare Differentialgleichungen, Variante}]
Ist $A \in \op{Mat}(n; \Bbb{R})$ eine quadratische
Matrix und $c \in \Bbb{R}^{n}$ ein Spaltenvektor, und $I\subset \DR$ ein mehrpunktiges Intervall und $t_0\in I$ ein Punkt, so  \label{dgv}
gibt es genau eine differenzierbare Abbildung $\gamma:I \ra
\Bbb{R}^{n}$ mit Anfangswert $\gamma(t_0) =c$ derart, da"s gilt\label{EKD} 
$\gamma^{\prime} (t) = A \gamma (t)$ f"ur alle $t \in \Bbb{R}$, und
diese Abbildung wird gegeben durch die Vorschrift
$$\gamma(t) = \exp ((t-t_0)A) c$$
\end{Satz}
\begin{proof} Der Beweis ist im wesentlichen  derselbe wie der Beweis von \ref{dg}.
\end{proof}


\begin{Bemerkungl}\label{AWI}
Ist $A \in \op{Mat}(n; \Bbb{R})$ eine quadratische
Matrix und $I\subset\DR$ ein mehrpunktiges Intervall, so bildet die Menge 
aller differenzierbaren Abbildungen $\gamma: I \ra
\Bbb{R}^{n}$ mit $\gamma^{\prime} (t) = A \gamma (t)$ 
f"ur alle $t \in I$ einen Untervektorraum $L$ 
im Vektorraum $\op{Ens}(I,\DR^n)$ aller Abbildungen
$I\ra\DR^n$, den 
{\bf L"osungsraum}\index{L"osungsraum!lineare Differentialgleichung!konstante Koeffizienten} 
unserer Differentialgleichung, und das
Auswerten an einer beliebigen Stelle 
$t_0\in I$ liefert einen Vektorraumisomorphismus 
$L\sira \DR^n$, $ \gamma\mapsto \gamma(t_0)$, den
\defind{Anfangswertisomorphismus}. All das folgt unmittelbar aus dem
vorhergehenden Satz \ref{dgv}. 
\end{Bemerkungl}

\subsubsection*{"Ubungen} 



\begin{Ubung}
Gegeben eine Diagonalmatrix $A=\op{diag}(a_1,\ldots, a_n)$ haben wir
  $\exp(A)=\op{diag}(\op{e}^{a_1},\ldots, \op{e}^{a_n})$.
Analoges gilt  f"ur blockdiagonale Matrizen.
\end{Ubung}





\subsection{Ged"ampfte Schwingungen}
\begin{Bemerkungl}\index{Ged"ampfte Schwingungen}\label{GeDa}
Wir interessieren uns f"ur die
 Bewegung eines 
Massepunktes, der an einer Feder aufgeh"angt ist und dessen Bewegung
durch eine zur Geschwindigkeit proportionale Reibung ged"ampft wird.
Mi"st die Funktion $x:\DR\ra\DR,$ $t\mapsto x(t)$
seine Auslenkung von der Gleichgewichtslage zum Zeitpunkt 
$t,$ so mu"s unsere Funktion aus physikalischen Gr"unden
eine Differentialgleichung zweiten Grades der Gestalt 
$$x' =-a x' - bx$$
erf"ullen,  wobei die
Konstanten $a$ und $b$ die St"arke der Feder und  der D"ampfung ausdr"ucken
und in physikalisch relevanten F"allen nichtnegativ sind.
Wir l"osen diese Differentialgleichung 
hier erst einmal  ad hoc und erheben danach in \ref{DHG} diesen
Zugang zur Methode.
\end{Bemerkungl}

\begin{Lemma}[\textbf{L"osung einiger Schwingungsgleichungen}]
Seien reelle Zahlen $a,b\in\DR$ gegeben.\label{LSr}
  \begin{enumerate}
  \item 
    Die Menge aller zweimal differenzierbaren Funktionen $x:\DR\ra\DR$ 
    mit $x'' +a x' + bx=0$ bildet einen 
    Untervektorraum des Raums $\op{Ens}(\DR,\DR)$ aller
    Abbildungen $\DR\ra\DR,$ den 
\emph{\bf L"osungsraum}\index{L"osungsraum!einer Schwingungsgleichung} 
$L$ unserer 
    Differentialgleichung;
  \item 
    Die Abbildung $x\mapsto (x(0),x'(0))$ liefert einen
    Isomorphismus $L\sira \DR^2$ dieses L"osungsraums
   mit dem $\DR^2$,
    den \emph{\bf Anfangswertisomorphismus};
\index{Anfangswertisomorphismus!bei reeller Schwingungsgleichung}
  \item
    Hat das Polynom $X^2 +a X + b$ zwei verschiedene reelle Nullstellen
    $\lambda$ und $\mu,$ so bilden die beiden Funktionen
    $x_1(t)=\op{e}^{\lambda t}$ und $x_2(t)=\op{e}^{\mu t}$ 
    eine Basis des L"osungsraums. Hat es dahingegen
    eine doppelte reelle Nullstelle $\lambda,$ 
    so bilden die beiden Funktionen
    $x_1(t)=\op{e}^{\lambda t}$ und $x_2(t)=t\op{e}^{\lambda t}$ 
    eine Basis des L"osungsraums.
\end{enumerate}
\end{Lemma}
\begin{Bemerkungw}
Um den Fall, da"s unser Polynom keine reelle Nullstelle hat,
werden wir uns gleich noch gesondert k"ummern.
\end{Bemerkungw}
\begin{proof}
Teil 1 scheint mir offensichtlich. 
Um Teil 2 zu zeigen beachten wir, da"s 
die Vorschrift $x\mapsto (x,x')$ 
offensichtlich einen Isomorphismus
zwischen unserem L"osungsraum $L$ und dem L"osungsraum 
des Systems
$
\gamma'_1 = \gamma_2,$ 
$\gamma'_2 =-b\gamma_1 -a\gamma_2
$ induziert, das
in Matrixschreibweise die Gestalt $\gamma' = A\gamma$ 
annimmt mit der Matrix
$$A = \begin{pmatrix} 0 &1\\ -b & -a \end{pmatrix}$$
Teil 2 folgt damit aus \ref{AWI}. 
F"ur Teil 3 m"ussen wir folglich nur pr"ufen, da"s die beiden angegebenen 
Funktionen in der Tat linear unabh"angige L"osungen sind.
Das kann dem Leser "uberlassen bleiben.
\end{proof}
\begin{Bemerkunge}[\textbf{L"osung mithilfe des Exponentials von Matrizen}]
  Statt beim Beweis von  Teil 3 des vorhergehenden Satzes
  m"ogliche L"osungen einfach  zu erraten,
h"atten wir uns auch daran erinnern k"onnen, da"s ja 
nach \ref{EKD}
jede L"osung von der Form\label{MALL} 
 $$x (t) = \gamma_{1} (t) = \op{pr}_{1} (\op{exp}(tA) c)$$
sein mu"s f"ur $c=(x(0),x'(0))$. Jetzt brauchen wir weitergehende
Kenntnisse in linearer Algebra. 
Das charakteristische Polynom unserer Matrix $A$ ergibt sich zu 
$X^{2} + aX +b$.  
Hat es zwei verschiedene reelle
Nullstellen $\lambda,\mu$ und bilden 
wir eine Matrix $P$ mit Eigenvektoren zu $\lambda$ und $\mu$ als
Spalten, so gilt $A = P \op{diag}(\lambda, \mu) P^{-1}$
und $\op{exp} (tA) = P \op{diag} (\op{e}^{\lambda t}, \op{e}^{\mu t}) P^{-1}$
und wir erkennen auf Anhieb, da"s jede L"osung
 eine Linearkombination der Gestalt 
$x(t) = \alpha \op{e}^{\lambda t} + \beta \op{e}^{\mu t}$ 
sein mu"s. 
Im Fall einer doppelten
reellen Nullstelle  finden wir 
"ahnlich ein $P$ mit $$A =P \begin{pmatrix}
\lambda & 1\\ 0 &\lambda \end{pmatrix} P^{-1}$$
und die Funktionalgleichung f"ur das Exponential von
Matrizen \ref{ADFG} liefert
$$\exp\begin{pmatrix} u & t\\ 0 & u
\end{pmatrix} =
\exp\begin{pmatrix} u  & 0\\ 0 & u
\end{pmatrix}\exp\begin{pmatrix} 0  & t\\ 0 & 0
\end{pmatrix}=
\begin{pmatrix} \op{e}^u &0
\\ 0 & \op{e}^{u} \end{pmatrix}
\begin{pmatrix} 1 & t
\\ 0 & 1 \end{pmatrix}=
\begin{pmatrix} \op{e}^{u} & t \op{e}^{u} 
\\ 0 & \op{e}^{u} \end{pmatrix}
$$
Die allgemeine L"osung 
ergibt sich so als  eine Linearkombination der Gestalt 
$\alpha \op{e}^{\lambda t} + \beta t \op{e}^{\lambda t}$.  
\end{Bemerkunge}

\begin{Bemerkungl}
Im Fall der ged"ampften Schwingung hat unser
Polynom $X^{2} + aX +b$ die beiden Nullstellen
$$-\frac{a}{2} \pm\sqrt{\frac{a^{2}}{4} -b} $$
Bei hinreichend gro"ser D"ampfung ${a^{2}}/{4} \geq b$ 
erhalten wir 
reelle nichtpositive L"osungen und
unser Massepunkt kehrt mit h"ochstens einmaligem
  "Uberschwingen zum Ruhezustand zur"uck. Im Fall 
kleiner D"ampfung ${a^{2}}/{4} < b$ hat unser
  Polynom dahingegen keine reellen Nullstellen mehr und stattdessen die
  beiden komplexen Nullstellen $\pm \op{i}\omega-{a}/{2}$ mit
  $\omega =\sqrt{b-a^{2}/{4}}> 0$.  
Um hier weiterzukommen verallgemeinern wir zun"achst einmal alles
bisher Gesagte ins Komplexe.
\end{Bemerkungl}
\begin{Proposition}[\textbf{L"osung der Schwingungsgleichung im Komplexen}]
Seien komplexe Zahlen $a,b\in\DC$ gegeben.\label{GDAE}
  \begin{enumerate}
  \item 
    Die Menge aller zweimal differenzierbaren Funktionen $x:\DR\ra\DC$ 
    mit $x'' +a x' + bx=0$ bildet einen 
 komplexen   Untervektorraum des Raums $\op{Ens}(\DR,\DC)$ aller
    Abbildungen $\DR\ra\DC$, den 
\emph{\bf L"osungsraum}\index{L"osungsraum!einer Schwingungsgleichung} $L$ 
unserer 
    Differentialgleichung;
  \item 
    Die Abbildung $x\mapsto (x(0),x'(0))$ liefert einen
    Vektorraumisomorphismus $L\sira \DC^2,$ 
    den \emph{\bf
    Anfangswertisomorphismus};
\index{Anfangswertisomorphismus!bei Schwingungsgleichung}
  \item
    Hat das Polynom $X^2 +a X + b$ zwei verschiedene Nullstellen
    $\lambda$ und $\mu,$ so bilden die beiden Funktionen
    $x_1(t)=\op{e}^{\lambda t}$ und $x_2(t)=\op{e}^{\mu t}$ 
    eine Basis des L"osungsraums $L$.  Hat es 
    eine doppelte Nullstelle $\lambda,$ 
    so bilden die beiden Funktionen
    $x_1(t)=\op{e}^{\lambda t}$ und $x_2(t)=t\op{e}^{\lambda t}$ 
    eine Basis des L"osungsraums.
\end{enumerate}
\end{Proposition}
\begin{proof}
Der Beweis ist identisch zum Beweis im Reellen 
\ref{LSr}, sobald man die dazu
ben"otigten Hilfsmittel ins Komplexe verallgemeinert hat.
Das gelingt ohne weitere Schwierigkeiten und ich fasse es
nur kurz zusammen. Man erkl"art zun"achst  die
Exponentialabbildung auf komplexen quadratischen  Matrizen
durch die Vorschrift 
$$\begin{array}{cccl}
\exp  : & \op{Mat}(n; \DC) & \ra & \op{Mat}(n; \DC)\\
  & A & \mapsto & \sum^{\infty}_{k=0} \frac{1}{k!} A^{k}
 \end{array}$$
und zeigt, da"s $g:\DR\ra \op{Mat}(n; \DC)$, $g(t)=\op{exp}(tA)$ differenzierbar ist
mit der Ableitung $g'(t)=A\op{exp}(tA)$. Dann zeigt man die Produktregel
f"ur Abbildungen der Zahlengerade in R"aume komplexer Matrizen
und folgert, da"s die Abbildung $\gamma(t) = \exp (tA) c$ eine differenzierbare Abbildung $\gamma: \Bbb{R} \ra
\Bbb{C}^{n}$ ist mit Anfangswert $\gamma(0) =c$ und
$$\gamma' (t) = A \gamma (t)$$ f"ur alle $t \in \Bbb{R}$.
Schlie"slich pr"uft man wieder mit der matrixwertigen Produktregel, da"s f"ur jede L"osung $\gamma$ dieser
Differentialgleichung die Abbildung $\exp(-tA)\gamma (t)$ die Ableitung
Null hat und folglich konstant ist. Daraus folgt der Anfangswertisomorphismus
und die Erkenntnis, da"s die L"osungsmenge der Differentialgleichung
$\gamma' (t) = A \gamma (t)$ ein $n$-dimensionaler komplexer Untervektorraum
des Abbildungsraums $\op{Ens}(\DR,\DC^n)$ ist. Indem wir von unserer Differentialgleichung zweiter Ordnun zu einem System von Differentialgleichungen erster Ordnung "ubergehen, ergeben sich die
beiden ersten Aussagen der Proposition. Durch explizites Rechnen folgt dann
leicht der dritte Teil.
\end{proof}


\begin{Bemerkungl}[\textbf{Beziehung zwischen reellen und komplexen L"osungen}] 
  Sind in der
Situation aus \ref{GDAE} die Koeffizienten $a,b$ beide reell,
so bilden die reellwertigen L"osungen unseres Systems nach
\ref{LSr} einen zweidimensionalen reellen Untervektorraum $L_\DR\subset
\op{Ens}(\DR,\DR)$. Seine komplexwertigen L"osungen
bilden dahingegen nach \ref{GDAE} einen 
zweidimensionalen komplexen Untervektorraum $L_\DC\subset
\op{Ens}(\DR,\DC),$ der stabil ist unter dem "Ubergang
zu den komplex konjugierten Funktionen, in Formeln $$f\in L_\DC\IFF 
\bar{f}\in L_\DC$$ 
Per definitionem gilt weiter $L_\DR=L_\DC\cap \op{Ens}(\DR,\DR)$. 
Haben wir nun Erzeuger $f_1,\ldots,f_r$  f"ur den 
$\DC$-Vektorraum der komplexwertigen L"osungen gefunden, 
so erzeugen deren Realteile 
und Imagin"arteile 
den $\DR$-Vektorraum der reellwertigen L"osungen.  In der Tat schreibt
sich  jede L"osung $f$ als
$f=c_1 f_1+\ldots+ c_r f_r$ mit $c_\nu\in\DC$, und ist $f$ reellwertig und schreiben wir $c_\nu=a_\nu+{\op{i}}b_\nu$ mit $a_\nu,b_\nu\in\DR$ und  
nehmen auf
beiden Seiten den Realteil,  so ergibt sich f"ur $f$ die Darstellung
$$f=a_1\op{Re}(f_1)-b_1\op{Im}(f_1)+\ldots +
a_r\op{Re}(f_r)-b_r\op{Im}(f_r)$$
\end{Bemerkungl}
  









\begin{Bemerkungl}[\textbf{Ged"ampfte Schwingungen mit kleiner D"ampfung}]
Im Fall der ged"ampften Schwingungen \ref{GeDa} mit
kleiner D"ampfung und folglich komplexen
Nullstellen $\pm \op{i}\omega-{a}/{2}$ erhalten wir 
die komplexen L"osungen
$x_\pm(t)=\op{e}^{-{a}t/{2}}\op{e}^{\pm \op{i}\omega t}$ und
 die  Eulerformel liefert, da"s die Funktionen
$$x_1(t) = \op{e}^{- at/2} \cos \omega t \;\;\;\text{ und }
\;\;\; x_2(t) =\op{e}^{-at/2} \sin \omega t$$
den Raum der reellwertigen  
L"osungen aufspannen. Die Gr"o"se $\omega$ hei"st in diesem
Zusammenhang auch die \defind{Winkelgeschwindigkeit}.
Die Additionstheoreme zeigen, da"s  sich jede reelle Linearkombination 
$\al\sin (\omega t)+
\beta\cos (\omega t)$
der Funktionen $\cos (\omega t)$ und $\sin (\omega t)$  als
Sinuswelle mit 
{\bf Amplitude}\index{Amplitude} $k$ 
und {\bf Phase}\index{Phase} $\phi$
in der Form
$$\al\sin (\omega t)+
\beta\cos (\omega t)=k\sin(\omega t+\phi)$$
schreiben l"a"st,
f"ur  $k=\sqrt{\al^2+\beta^2}$ und  $\phi$
einer L"osung des Gleichungssystems $k\cos\phi=\al , 
k\sin\phi=\beta $. 
Im Fall kleiner D"ampfung 
kann die allgemeine L"osung also geschrieben werden als
$x(t)=k\op{e}^{-at/2}\sin(\omega t+\phi)$ und beschreibt
eine Schwingung, deren Amplitude bei positiver
D"ampfung $a> 0$ exponentiell abf"allt. 
\end{Bemerkungl}


\begin{Bemerkungw}
  Gegeben $A,P\in \op{Mat}(n;\DC)$ mit $P$ invertierbar
  zeigt man leicht die Regel $\exp (PAP^{-1}) = P(\exp A)P^{-1}$.
  Die Berechnung des Exponentials einer beliebigen quadratischen Matrix wird
  Ihnen auf dieser Grundlage leicht gelingen, sobald sie in der
  linearen Algebra die Theorie der
  \glqq Jordan'schen Normalform\grqq\  
\eref{JNFa}{LA2} kennengelernt
  haben.
\end{Bemerkungw}

\subsubsection*{"Ubungen}
\begin{Ubung}
Ist $A\in \op{Mat}(n;\DR)$ eine reelle Matrix
und $\gamma:\DR\ra\DC^n$ eine komplexe L"osung der Differentialgleichung 
$\gamma'(t)=A\gamma(t),$ so sind 
ihr koordinatenweise gebildeter Real- und Imagin"arteil
$\op{Re}\gamma$ und $\op{Im}\gamma$
reelle L"osungen.
Erzeugt eine Menge $\DC^n$-wertiger Funktionen
den $\DC$-Vektorraum  der $\DC^n$-wertigen  L"osungen unserer
Differentialgleichung, so erzeugen ihre Real- und Imagin"arteile
zusammen den $\DR$-Vektorraum der  $\DR^n$-wertigen  L"osungen.
\end{Ubung}







\subsection{Differentialgleichungen h"oherer Ordnung}
\begin{Bemerkungl}
Die Erfahrungen, die wir bei der Behandlung ged"ampfter Schwingungen
gemacht haben, fassen wir nun noch  allgemeiner.
\end{Bemerkungl}
\begin{Satz}\label{DHG}
Seien komplexe Zahlen $a_{0},\ldots, a_{n-1} \in \DC$ gegeben.
\begin{enumerate}
\item
Die komplexwertigen $n$-mal differenzierbaren Funktionen $f: \Bbb{R} \ra
\DC$ mit $f^{(n)} + a_{n-1} f^{(n-1)} + \ldots + a_{0} f =0$
bilden einen Untervektorraum im Raum aller Funktionen $\Bbb{R} \ra
\DC,$ den {\bf\em L"osungsraum}\index{L"osungsraum!einer linearen Diferentialgleichung} 
unserer Differentialgleichung;
\item
Die Abbildung $f \mapsto (f(0), f^{\prime}(0), \ldots,
f^{(n-1)}(0))$ ist ein Isomorphismus dieses
L"osungsraums mit dem $\DC^n,$ der {\bf\em
Anfangswertisomorphismus};\index{Anfangswertisomorphismus}
\item
Ist $\lambda \in \DC$ eine Nullstelle des Polynoms $X^{n} + a_{n-1}
X^{n-1} + \ldots + a_{0}$ der Vielfachheit $r,$ so sind die
Funktionen $ {\op{e}}^{\lambda t}, t {\op{e}}^{\lambda t},\ldots, 
t^{r -1} {\op{e}}^{\lambda t}$
L"osungen unserer Differentialgleichung, und 
durchl"auft $\lambda$ alle Nullstellen
unseres Polynoms, so bilden diese L"osungen eine Basis des
L"osungsraums.
\end{enumerate}
\end{Satz}
\begin{Bemerkunge}
  Der Satz bleibt g"ultig, wenn wir darin 
$\DR$ durch ein beliebiges mehrpunktiges Intervall $I\subset\DR$
ersetzen.
\end{Bemerkunge}
\begin{proof}[Beweis]
Teil 1 ist offensichtlich. Um die in Teil 2 behauptete Existenz und
Eindeutigkeit zu zeigen beachten wir zun"achst, da"s unsere
"Uberlegungen aus \ref{dg} ohne "Anderungen auch im Komplexen
g"ultig sind.
F"ur eine quadratische Matrix $A\in \op{Mat}(n; \DC)$ mit
komplexen Eintr"agen haben also die differenzierbaren Funktionen
$g: \Bbb{R} \ra \DC^{n},$ die die Differentialgleichung $g^{\prime} = Ag$
l"osen, die Form $g(t) = (\exp t A) g(0)$ wo wir den Anfangswert
$g(0) \in \DC^{n}$ frei w"ahlen d"urfen.
Insbesondere definiert die Abbildung $g \mapsto g(0)$ einen
Isomorphismus vom L"osungsraum der Differentialgleichung
$g^{\prime} = Ag$ mit dem $\DC^{n}$. 
Jetzt beachten wir, da"s die Vorschrift $f\mapsto g=(f, f^{\prime},
f^{\prime\prime}, \ldots, f^{(n-1)})^{\top}$ eine Bijektion induziert
zwischen der Menge aller $n$-mal differenzierbaren Funktionen $f:\DR\ra\DC,$
die die Differentialgleichung aus dem Satz erf"ullen, und der
Menge aller differenzierbaren Funktionen $g:\DR\ra\DC^n,$
die das System von
Differentialgleichungen
$$\begin{array}{lcl}
g^{\prime}_{0} & =& g_{1}\\
g^{\prime}_{1} & =& g_{2}\\
 &\vdots &\\
g^{\prime}_{n-1} &=& a_{n-1}g_{n-1}+\ldots a_{1}g_{1}+a_{0}g_{0}
\end{array}$$
l"osen, wo wir etwas ungew"ohnlich $g=(g_{0}, \ldots, g_{n-1})$
indiziert haben der besseren "Ubersichtlichkeit halber.
Damit folgt Teil 2 aus \ref{dg}.
\\[2mm]\noindent
3. Motiviert durch unsere Erkenntnisse bei der
L"osung von  \ref{GDAE} beginnen wir 
mit dem Ansatz $f(t) = {\op{e}}^{\lambda t}$ f"ur
$\lambda \in \DC$.   M"ogliche $\lambda$ sind dann offensichtlich
genau
die Nullstellen des Polynoms $X^{n} + a_{n-1}X^{n-1} + \ldots + a_{1} X
+a_{0}$. 
Ist $\lambda$ eine Nullstelle der Vielfachheit $r,$ so sind sogar,
wieder in Verallgemeinerung unserer Erkenntnisse bei der
L"osung von  \ref{GDAE},
auch
$t {\op{e}}^{\lambda t}, \ldots , t^{r-1}{\op{e}}^{\lambda t}$ noch L"osungen
unserer Gleichung.
Um das einzusehen, betrachten wir den Vektorraum ${\cal{C}}^{\infty}
(\Bbb{R})$ aller beliebig oft differenzierbaren Funktionen $\Bbb{R} \ra
\DC$ und fassen das Ableiten auf als eine lineare Abbildung
$$D : {\cal{C}}^{\infty} (\Bbb{R}) \ra {\cal{C}}^{\infty} (\Bbb{R})$$
Zerf"allt unser Polynom in Linearfaktoren
$$X^{n}+ a_{n-1} X^{n-1}
+ \ldots + a_{0} = (X-\lambda_{1})^{n_{1}} \ldots (X -
\lambda_{{r}})^{n_{r}}$$
so k"onnen wir den Operator
$D^{n}+a_{n-1} D^{n-1} + \ldots + a_{0} : {\cal{C}}^{\infty} (\Bbb{R}) \ra
{\cal{C}}^{\infty} (\Bbb{R})$ auch schreiben als Verkn"upfung der Operatoren
$(D-\lambda_{i})^{n_{i}},$ und es reicht folglich $(D-\lambda)^{r}
t^{r-1} {\op{e}}^{\lambda t} =0$ nachzuweisen.
Nun gilt aber offensichtlich 
$$(D-\lambda) t^{m}{\op{e}}^{\lambda t} =
m t^{m-1} {\op{e}}^{\lambda t}$$ 
und die Behauptung folgt per
Induktion.
Um zu zeigen, da"s die $t^{j}{\op{e}}^{t\lambda_{i}}$ f"ur $0\leq j <
n_{i}$ eine Basis des L"osungsraums bilden, reicht es deren lineare
Unabh"angigkeit nachzuweisen.
Beherrscht man die zugeh"orige lineare Algebra, so erkennt man
leicht, da"s 
die $t^m {\op{e}}^{\lambda t}$ jeweils  zum
Hauptraum $\op{Hau}(D;\lambda)$ geh"oren und mu"s wegen \eref{Haui}{LA2}
nur noch die lineare Unabh"angigkeit der $t^m {\op{e}}^{\lambda t}$
f"ur festes $\lambda$ und variables $m$ zeigen, die hinwiederum
sofort aus der linearen Unabh"angigkeit der Funktionen $t^m$ folgt.
Man vergleiche hierzu auch \eref{luEX}{LA2}.
\\[2mm]\noindent
Beherrscht man die zugeh"orige lineare Algebra noch nicht, so
mu"s man mehr arbeiten.
Man setzt dann etwa eine Linearkombination $\sum c_{ji}
t^{j}{\op{e}}^{\lambda_{i}t} = 0$ an und mu"s zeigen, da"s alle
$c_{ji}$ verschwinden.
Sonst k"onnten wir aber nach eventueller Umnummerierung der Nullstellen
ein $k$ finden mit
$c_{k1}\neq 0$ aber $c_{j1}=0$ f"ur $j>k$. 
Wenden wir dann auf unsere Summe den Differentialoperator
$$(D-\lambda_{1})^{k} (D-\lambda_{2})^{N} \ldots (D
- \lambda_{r})^{N}$$ an f"ur hinreichend grosses $N,$ so ergibt sich $c_{k1}
{\op{e}}^{t\lambda_{1}} =0$ im Widerspruch zu unserer Annahme $c_{k1}
\neq 0$. 
\end{proof}
\subsubsection*{"Ubungen}
\begin{Ubunge}
Man bestimme eine Basis des komplexen sowie des reellen L"osungsraums 
der Differentialgleichung $f'''=f$. 
\end{Ubunge}
\subsection{Gekoppelte Schwingungen*}
\begin{Bemerkungl}
  In diesem Abschnitt wird mehr lineare Algebra ben"otigt,
  als ich im derzeitigen Studienplan voraussetzen kann.
\end{Bemerkungl}

\begin{Beispiel}
An gegen"uberliegenden W"an\-den eines Zimmers ist jeweils ein
W"agelchen mit einer Feder befestigt und die beiden W"agelchen
sind auch untereinander durch eine Feder verbunden.
Bezeichnen $x(t)$ beziehungsweise $ y(t)$ die Position des ersten beziehungsweise zweiten
W"agelchens auf einer Skala, auf der $x =y=0$ den Gleichgewichtszustand
bedeuten und gr"o"sere $x$ beziehungsweise $y$ einen gr"o"seren Abstand eines
W"agelchens von \glqq seiner\grqq\  Wand, so gen"ugt unser System einer 
Differentialgleichung
$$\begin{array}{ccc}
x'' &=& -ax -b (x+y)\\
y'' &= &-cy - d(y+x)
\end{array}$$
f"ur Konstanten $a,b,c,d >0$, in die die St"arke der Federn und 
die Massen der
W"agelchen eingehen.
Erkl"aren wir $v : \Bbb{R} \ra \Bbb{R}^{2}, t \mapsto v(t) = (x(t),y(t))$
und betrachten die Matrix
$$A = \begin{pmatrix} -(a+b)& -b \\ -d & -(c+d)\end{pmatrix}$$
so k"onnen wir unser System schreiben als
$$v'' (t) = A v (t)$$
Der Leser mag als "Ubung zeigen, da"s der L"osungsraum 
vierdimensional sein mu"s. 
Unsere Matrix $A$ hat, wie man dem charakteristischen Polynom ansieht,
negative reelle Eigenwerte $\lambda_{1}, \lambda_{2}$.  
Also hat
bereits der $\Bbb{R}^{2}$ eine Basis $v_{1},v_{2}$ 
aus Eigenvektoren von $A$.  Dann sind die vier Funktionen
$$t\mapsto \exp ((\pm \sqrt{\lambda_{i}})t) v_{i} \quad\text{ mit } i=1,2$$
offensichtlich L"osungen, und "ahnliche Argumente
wie im vorhergehenden Beispiel zeigen, da"s sie sogar 
eine Basis L"osungsraums bilden. Setzen wir $\omega_i=\sqrt{-\lambda_i},$ so
erhalten wir eine alternative Basis des 
L"osungsraums durch die vier Funktionen
$$\op{cos} (t\omega_{i}) v_{i} \quad\text{ und }\quad
\op{sin} (t\omega_{i}) v_{i} \quad\text{ mit } i=1,2.$$
Ist noch spezieller 
unsere Situation symmetrisch unter der Vertauschung der beiden 
W"agelchen,
haben sie also dieselbe Masse und sind durch dieselben 
Federn  mit den
W"anden verbunden, so folgt $b=d$ und $a =c$ und 
wir erhalten $v_{1}= (1,1)$ mit $\lambda_{1} = -a-2b$ sowie
$v_{2} =(1,-1)$ mit $\lambda_{2} = -a $.
Diese Eigenvektoren entsprechen den zwei \defind{Eigenschwingungen} 
des Systems, bei denen
beide W"agelchen zu allen Zeiten in derselben beziehungsweise in entgegengesetzten 
Richtungen fahren. 
Die Bewegung der einzelnen W"agelchen 
$x(t)=x_+(t)$ und $y(t)=x_-(t)$ wird dann beschrieben durch
$$\op{Re}
\left(c_1 {\op{e}}^{\op{i}\omega_1 t} \pm c_2 {\op{e}}^{\op{i}\omega_2 t}\right)
=
\op{Re}\left({\op{e}}^{\op{i}(\omega_1-\omega_2) t/2}
\left(c_1{\op{e}}^{\op{i}(\omega_1+\omega_2) t/2}\pm c_2
{\op{e}}^{-\op{i}(\omega_1+\omega_2) t/2}\right)\right)$$
mit komplexen $c_i$.  
Nimmt man hier zum Beispiel $c_1=c_2=1,$ so ergibt sich
die L"osung
$$
\begin{array}{lll}
x(t)&=&2\cos((\omega_1-\omega_2) t/2)\cos((\omega_1+\omega_2) t/2)
\\[2mm]
y(t)&=&2\sin((\omega_1-\omega_2) t/2)\sin((\omega_1+\omega_2) t/2)
\end{array}
$$
Ist die verbindende Feder schwach im Verh"altnis zu den Federn gegen die
W"ande, in Formeln $a\gg b,$ so liegen die beiden Eigenwerte 
$\lambda_{1},\lambda_{2}$ und damit
auch die Winkelgeschwindigkeiten
$\omega_{1},\omega_{2}$ verh"altnism"a"sig nah beieinander.
Im Versuch kann man in diesem Fall sch"on sehen, wie
die beiden W"agelchen mit der Winkelgeschwindigkeit
$(\omega_1-\omega_2)/2$ ihre Energie untereinander austauschen.
\end{Beispiel}
\begin{Bemerkungl}
Im "Ubrigen ist es auch a priori  klar, da"s 
in der symmetrischen Situation die zweielementige
Symmetriegruppe
unserer Gleichung, die der Vertauschung der beiden W"agelchen entspricht,
auf dem L"osungsraum operieren mu"s, da"s wir also
uns schon von Anfang an h"atten darauf beschr"anken d"urfen, nur
die symmetrischen und die antisymmetrischen L"osungen zu bestimmen
und die allgemeine L"osung als Linearkombination 
solcher speziellen L"osungen zu erhalten.  
\end{Bemerkungl}




\subsection{Angeregte Schwingungen}
\begin{Bemerkungl}\label{IHD}
Ist  $A$ eine  komplexe $(n\times n)$-Matrix 
und ist zus"atzlich 
eine stetige Funktion $f: \Bbb{R}
\ra \Bbb{C}^{n}$ vorgegeben und man sucht alle differenzierbaren
$\gamma:\Bbb{R}
\ra \Bbb{C}^{n},$
die das \glqq inhomogene\grqq\  System von Differentialgleichungen
$$\gamma' (t) = A \gamma (t) + f(t)$$ l"osen, so r"at 
einem die Methode der \defind{Variation der
Konstanten} zum Ansatz $$\gamma (t) = \op{exp} (tA) g(t)$$
Man erkennt leicht, da"s dieser Ansatz 
eine L"osung liefert, wenn $g: \Bbb{R}\ra \Bbb{C}^{n}$
differenzierbar ist und die Gleichung
$f(t) = \op{exp} (tA) g' (t)$
erf"ullt, als da hei"st f"ur
$$g(t) = \int^t\op{exp}(-\tau A) f(\tau ) \diff \tau $$
Hier ist $g(t)$ als unbestimmes Integral
  nur bis auf eine additive Konstante
aus dem $\Bbb{C}^{n}$ wohldefiniert.
Da"s wir mit diesem Verfahren tats"achlich auch alle L"osungen 
$\gamma (t)$ unseres
inhomogenen Systems von Differentialgleichungen 
erhalten ergibt sich daraus, da"s
ja ganz offensichtlich die Differenz von je zwei L"osungen unserer 
inhomogenen Gleichung eine
L"osung der homogenen Gleichung $\gamma' = A \gamma (t)$
sein mu"s. In der Sprache der linearen Algebra bilden die
L"osungen der inhomogenen Gleichung also einen affinen Teilraum
des Raums aller Funktionen, dessen Raum von Richtungsvektoren 
der L"osungsraum der homogenen Gleichung ist.
\end{Bemerkungl}

\begin{Beispiel}[\textbf{Angeregte Schwingungen}]
  Eine Lampe ist mit einer Feder an einer vibrierenden Decke aufgeh"angt. Sei
  $h(t)$ die Auslenkung der Decke  zur Zeit $t$
  und $x(t)$ die H"ohe der Lampe zur Zeit $t$, beide gemessen auf einer 
gegen den Boden festen Skala, auf\label{AnSc}  
der
  $h=x =0$ einen Zustand beschreibt, in dem 
sich die Federkraft, die die Lampe zur Decke zieht, und die
Schwerkraft der Lampe die Waage halten. So gen"ugt $x (t)$ einer
  Differentialgleichung der Gestalt
  $$x'' (t) = - a (x(t) -h (t))$$
  Hierbei ist  $a $ positiv und h"angt von der Masse der
  Lampe und der Federkonstante ab.  Wir  schreiben  das um zu einem
  System erster Ordnung
  $$\begin{array}{ccl}
    \gamma'_{0} & =& \gamma_{1}\\
    \gamma'_{1} &=& -a \gamma_{0}  + a h 
\end{array}$$
oder in Matrixschreibweise
$$\gamma'  = \begin{pmatrix}0& 1 \\-a& 0\end{pmatrix} \gamma  +
{0\choose ah}$$
Das charakteristische Polynom unserer Matrix $A$ ist $X^{2} +
a,$ die Eigenwerte ergeben sich zu $\pm \op{i} \eta$ 
f"ur $\eta=\sqrt{a}$ und als zugeh"orige
Eigenvektoren finden wir $(1, \pm \op{i} \eta )^{\top}$. 
Wir nehmen diese Eigenvektoren als Spalten einer Matrix 
$$P \pdef \begin{pmatrix} 1
  & 1\\ -\op{i} \eta  & \op{i} \eta  \end{pmatrix}
$$
So haben wir offensichtlich $AP=PB$ alias $P^{-1}AP=B$ 
mit
$B=\op{diag} (-\op{i} \eta , \op{i}\eta )$
einer Diagonalmatrix und $\varphi\pdef 
P^{-1}\gamma
$ erf"ullt die Differen\-tial\-gleichung
$
\varphi' (t) = B \varphi (t) + \; f (t)$
mit $$ f (t) = P^{-1} \begin{pmatrix} 0\\ ah (t) \end{pmatrix} 
= \frac{1}{2\op{i}\eta}\begin{pmatrix} \op{i}\eta
  & -1\\ \op{i} \eta  & 1  \end{pmatrix} 
\begin{pmatrix} 0\\ ah (t) \end{pmatrix} 
=\frac{ah (t)}{2\op{i}\eta} \begin{pmatrix} -1
  \\ 1  \end{pmatrix}
$$ 
% $$
% \begin{array}{rl}
% \dot{\varphi} (t) = B \varphi (t)& + \; f (t)\\[2mm]
% \text{mit}& f (t) = P^{-1} \begin{pmatrix} 0\\ ah (t) \end{pmatrix} 
% = \frac{1}{2\op{i}\eta}\begin{pmatrix} \op{i}\eta
%   & -1\\ \op{i} \eta  & 1  \end{pmatrix} 
% \begin{pmatrix} 0\\ ah (t) \end{pmatrix} 
% =\frac{ah (t)}{2\op{i}\eta} \begin{pmatrix} -1
%   \\ 1  \end{pmatrix}
% \end{array}
% $$ 
Ich betrachte von nun 
an diese Differen\-tial\-gleichung, da es mir "ubersichtlicher 
scheint, mit $\op{exp}tB$ anstelle von $\op{exp}tA=P(\op{exp}tB) P^{-1}$
zu hantieren.
Nach
unseren "Uberlegungen \ref{IHD} lautet die allgemeine L"osung
dieser Differentialgleichung
$$\varphi (t) = \op{exp}(tB) g (t)\quad\text{mit}\quad 
g (t) = \int^t \op{exp} (-\tau B) f(\tau ) \diff \tau $$
Nehmen wir zum Beispiel an, unsere Decke vibriere mit $h(t) =  k\op{sin}
(\omega t)$ f"ur $\omega >0$, so ergibt sich die erste Komponente $g_1(t)$ 
von $g(t)$ zu
$$
\begin{array}{ccl}  g_{1} (t)  &=&  -\frac{k a}{2\op{i}\eta} 
\int^t {\op{e}}^{\op{i}\tau \eta} \left(\frac{{\op{e}}^{\op{i}\tau \omega}
    - {\op{e}}^{-\op{i}\tau \omega}}{2\op{i}}\right) \diff \tau  \\[4mm]
  &=&  \frac{ka}{4\eta} \int^t {\op{e}}^{\op{i}\tau  (\eta +\omega)} \diff \tau 
  - \frac{ka}{4\eta} \int^t {\op{e}}^{\op{i}\tau  (\eta -\omega)} \diff \tau  
\\[2mm]
  &=&  \op{konst}+ \frac{ka}{4\op{i}\eta(\eta + \omega)} 
{\op{e}}^{\op{i}t (\eta + \omega)} - \left\{
    \begin{array}{lll} \frac{ka}{4\op{i}\eta(\eta -\omega)} 
{\op{e}}^{\op{i}t(\eta -\omega)}
      &\text{ falls } &\eta \neq \omega;\\[2mm]
      \frac{ka}{4\eta} t &\text{ falls }& \eta =\omega.
\end{array} \right. 


\end{array}$$
"Ahnlich berechnen wir $g_{2}(t)$ und erkennen, da"s in dem Fall, da"s die
Eigenfrequenz der Lampe nahe an der Frequenz der Decke ist, also f"ur $|\eta -
\omega|$ klein, die Schwingung sehr gro"s werden kann und im Fall
$\eta = \omega$ die Auslenkung eventuell sogar gegen Unendlich strebt. In der
Physik spricht man in diesen F"allen  von \defind{Resonanz}  beziehungsweise von
einer \defind{Resonanzkatastrophe}.
Seien nun
die Eigenschwingung unseres Systems
$t\mapsto {\op{e}}^{\op{i}t \eta}$ und 
die Anregung $t\mapsto h(t)$ oder gleichbedeutend 
$t\mapsto f(t)$ periodisch mit derselben Periode. Nehmen wir der Einfachkeit halber $p=2\pi$ an,
so finden wir $\eta\in\DZ,$ und 
entwickeln wir $f$ in eine \glqq Fourierreihe\grqq, 
so zeigt unsere obige Formel
$g (t) = \int^t \op{exp} (-\tau B) f(\tau ) \diff \tau ,$
da"s nur die Summanden $c_{\pm\eta} {\op{e}}^{\pm\op{i}t \eta}$
f"ur die Resonanz verantwortlich
sind in dem Sinne, da"s alle anderen Summanden der Fourierreihe nur
periodische Beitr"age zu $g (t) $ liefern.
Sp"ater in \eref{FouD}{AN3} folgende werden Sie  lernen, 
da"s  $g_1(t)$ 
im allgemeinen
bis auf eine Konstante auch interpretiert werden kann als 
der \glqq Wert bei $-\eta$ der Fouriertransformierten des Produkts von $f_1$
mit der charakteristischen Funktion des Intervalls $[0,t]$\grqq.
\end{Beispiel}






%%% Local Variables: 
%%% mode: latex
%%% TeX-master: "XXAN1"
%%% End: 
